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Wollen die Russen Krieg? – Versuch einer Apologia pro Rossia.

262596972„Wollen die Russen Krieg“ ist der Titel eines (west-) deutschen Buches aus dem Jahre 1982 und, bekannter, eines russischen Liedes. Buch und Lied kommen zum selben Ergebnis: Nein! Auch die Russen selbst sehen sich als friedliebende und freundliche Nation. Wie passt das mit der aktuellen Entwicklung auf der Krim zusammen, wie mit dem teils vernichtendem Russland-Bild im Westen? Wie kommen die Russen aktuell zu ihrer Westlern so schwer verständlichen Position? Versuch eines Plädoyers für einen Mandanten, der es schwierig macht, verstanden zu werden, und es doch verdient.

Die Krim! Der Ort hat Klang, als Urlaubsziel wie literarischer Ort, selbst der Krimsekt wäre ohne die Ortsbezeichnung nicht die Hälfte wert. Im Jahre 1793 kam die Halbinsel zu Russland, sie wurde vom berühmten Fürsten Potjomkin für die nicht minder legendäre Zarin Katharina II „von nun an und für alle Zeiten“ annektiert.

Auch nach Gründung der Sowjetunion blieb sie Bestandteil der Russischen Sowjetrepublik. Die krimtatarische Minderheit wurde von Stalin 1944 deportiert, seit Kriegsende ist die übergroße Mehrheit der Bevölkerung russischsprachig. 1954 „schenkte“ Stalins Nachfolger Chrustschow sie der Ukrainischen Sowjetrepublik, deren KP-Chef er zuvor war.

Eine unabhängige Ukraine gab es streng genommen vor 1991 nie. Während die heutige Ostukraine schon immer russisch und die Krim osmanisch gewesen sind, unterstand die Zentral- und Westukraine erst Litauen und nach der Union von 1569 der polnisch-litauischen Union, in der die orthodoxen Ruthenen, so die damalige Bezeichnung, vielfältiger Diskriminierung ausgesetzt waren. Der ruthenische Adel versuchte dem durch eine Anpassung an die polnische Elite entgegenzuwirken; die bekannteste ist die Union von Brest 1596, mit der sich die orthodoxen Diözesen vom Moskauer Patriarchat lösten und bei Beibehaltung ihrer liturgischen Tradition dem Papst unterstellten und so die griechisch-katholische Kirche begründeten. Doch auch das beendete die Diskriminierung der Ukrainer durch die Polen nicht, so dass der ruthenische Landadel sich schließlich 1654 im Vertrag von Perejaslaw unter den Schutz des Zaren Alexander III. stellte und fortan die heutige Ukraine mit Ausnahme des Lemberger Gebietes – von den Habsburgern dann Galizien genannt – russisch waren.

Auch die Bezeichnung Ukraine ist dabei russischen Ursprungs. Die Polen sprachen von Ruthenen, andere von Russinen. Ukraine stammt vom russischen Wort „Okraine“ ab und bedeutet Grenzgebiet. Die ruthenische Sprache gehört wie das Russische zu den ostslawischen Sprachen und grenzt sich damit vom westslawischen Polnisch ab. Durch die jahrhundertelange Union und Russifizierungskampagnen im 19. und 20. Jahrhundert spricht die Mehrheit der heutigen Ukrainer Russisch als Muttersprache, zumal wenn es sich um Bewohner der Gebiete handelt, die schon vor 1914 russisch waren. Weil auch die legendenumwölkte Kiever Rus aus dem 10. Jahrhundert der russischen Volksseele als erstes russisches Staatsgebilde gilt, ist aus russischer Sicht die Sache klar: Die Ukraine gehört zu Russland!

Und das sehen auch viele Ukrainer so. Die Unabhängigkeit 1991 erscheint ihnen eher als Betriebsunfall, zumal es ja um die Unabhängigkeit von der schon untergegangenen Sowjetunion ging, nicht um eine Trennung von Russland. Ganz besonders auf der Krim, auf der kaum jemand Bock auf die Ukraine hat, aber je nach Schätzung 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung gern wieder zu Russland gehören würde, ist der ukrainische Staat ungeliebt. Aber auch in der seit je her russischen Ostukraine – Charkow, Donetzk, Saporoschjie, Lugansk heißen da die Städte – orientieren sich die Menschen nach Moskau statt nach Brüssel, Berlin oder Paris.

Anders sieht es unter den Hippen in Kiew und Odessa wie in den vor 1914 österreichischen und bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1940 polnischen Gebieten um Lemberg, dem erst österreichischen und dann rumänischen Czernowitz und in der bis 1945 tschechoslowakischen Karpatenukraine aus. Hier hat die kirchliche Union mit dem Papst und die jahrhundertelange staatliche Zugehörigkeit zu westlichen Staaten, zumeist Österreich-Ungarn, Wurzeln geschlagen. Die Ukraine ist deshalb ein Land ohne einheitliches politisches Bewusstsein, hin- und hergerissen zwischen russischer und westlicher Tradition. Schon Samuel Hunington hat in seinem „Kampf der Kulturen“ ein Auseinanderbrechen dieses Landes vorhergesagt.

Aktuell erleben wir nach der „Orangenen Revolution“ das zweite Mal, dass eine von der Mehrheit gewählte pro-russische Regierung von pro-westlichen Aktivisten aus dem Amt vertrieben wird. Wie die Neuwahlen im Frühjahr ausgehen, weiß niemand. Dass die Ukraine ein instabiler Staat ist, in dem Mafiosi herrschen und Regierungen durch Staatsstreiche statt durch Wahlen abgelöst werden, ist hingegen sicher.

In dieser Situation erklären sich die Krimbewohner, also eine in territorialer Geschlossenheit siedelnde, ethnisch russische Bevölkerung mit einem gemeinsamen politischen Bewusstsein und einem allgemeinen Willen von der Ukraine los und wünscht den Anschluss an Russland, was aus russischer Sicht völlig naheliegend ist. Russland geht es nicht um Expansion, sondern um Schutz für etwas, was aus russischer Sicht ohnehin zu Russland gehört. Wollen die Russen Krieg? Nein!

Das Problem ist, dass der Westen die russische Sicht nicht versteht. Das westliche Russland-Bild speist sich aus Vorurteilen, Unkenntnis und Überheblichkeit. Man reduziert die russische Position auf Expansionsstreben, weil man den Zerfall der Sowjetunion als endgültiges Urteil der Geschichte ansieht, ohne sich die Fragwürdigkeit der dadurch gezogenen Grenzen bewusst zu machen. Statt einer historischen und soziologischen Betrachtung zieht man sich auf eine rein juristische zurück. Wer aber 1991 zu Recht das Selbstbestimmungsrecht der Slowenen und Kroaten und 1999 eher zweifelhaft das der Kosovo-Albaner verteidigt hat, kann es heute den Krim-Russen nicht absprechen. Wer den aktuellen Konflikt rein juristisch lösen will, muss die völkerrechtlich schwache Staatsgründung 1991 mit berücksichtigen. Die westliche Lesart „Im Zweifel gegen Russland“ überzeugt nicht. Und ein militärisches Eingreifen, um auf der Krim das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung zu vereiteln, wäre mit westlichen Werten noch weniger zu vereinbaren als ein Ausscheiden der Krim aus dem ukrainischen Staat.

Letztlich wird es darauf hinauslaufen anzuerkennen, dass der Zerfall der Sowjetunion 1991 nicht das Ende der Geschichte war. Der russische Drang nach einer zumindest teilweisen Korrektur dieses dramatischen Einschnittes erscheint mir zumindest nachvollziehbarer als das Beharren auf Grenzverläufen und Staatsgründungen, die der Laune sowjetischer Bonzen statt dem Volkswillen entsprechen. Die Krim verdient ein Referendum, keine Russophobie!

  1. Frank Pawassar #

    Ich warne vor „Pro-russischen Tendenzen“ zu diesem Zeitpunkt. Das ist zwar typisch deutsch – aber „Tauroggen“ ist schon lange vorbei. Falls wir eine russische Besetzung der Ukraine – selbst nur zum Teil – hinnehmen würden, könnten wir auch das Baltikum Polen, Slowakei und Rumänien abschreiben.

    3. März 2014
    • Nein, das sehe ich eben anders. Russland ist in seinem Sinne gerade nicht expansionistisch – es will „nur“ seine ihm nach seinem Selbstverständnis zustehende Einflusszone sichern. Die russische Außenpolitik war selbst unter Stalin „nur“ auf die Grenzen von 1914 gerichtet. Und Putin ist kein Stalin, ihm geht es um die ethnischen Russen. Das ist mehr als Russland jetzt hat – aber ist es deshalb a priori illegitim? Das kann man so sehen, aber man sollte den Russen zumindest zubilligen, dass sie es anders sehen.

      3. März 2014
  2. Reiner Mühlbauer #

    Man kann es so sehen Herr Krah, wenn man bereit ist Gewalt als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu akzeptieren.

    Damit sind wir wieder bei der Situation von vor 1989 und das können wir alle nicht wollen oder ?

    Mal abgesehen von der Wirkung auf die mittlerweile unabhängigen Staaten des ehemaligen WP:

    Die Frage ist was ist uns die bisherige Friedensordnung in Europa wert, was ist uns unsere relative Freiheit wert, was hätte es für Folgen für das zukünftige Europa, würde man ein derartiges vorgehen akzeptieren ?

    8. Dezember 2014
    • Wir sind aber nicht vor 1989. Der Kalte Krieg ist vorbei, weil der Systemkonflikt nicht mehr besteht. Die Gefahr ist, dass wir so tun, als bestünde er noch. Mehr: Die Präzedenzfälle stammen aus dem Jugoslawien-Krieg. Nehmen Sie den Kosovo. Auch da hat man das Selbstbestimmungsrecht einer territorial geschlossen siedelnden Minderheit über die staatliche Integrität gestellt – mit sehr dünnen Argumenten, übrigens. Man sollte nicht nur fragen, was es für Folgen hätte, wenn man die Sezession und anschließende Integration der Krim nach Russland akzeptiert (was man faktisch längst tut), sondern auch, was passiert, wenn man es nicht tut (und damit weiter eskaliert). Im Ergebnis bin ich für eine diplomatische Lösung, die sich am Willen der Krimbevölkerung ausrichtet. Also: Neues Referendum, das dann gilt. Alles andere ist gefährlich und dauerhaft unbefriedigend.

      8. Dezember 2014
  3. Arnold Vaatz #

    Sehr geehrter Herr Krah,

    Ihr Beitrag, auf den ich erst heute aufmerksam wurde, enthält geschichtliche Unwahrheiten, von denen ich einige wenige herausgreife (aus Zeitgründen habe ich auf eine nochmalige orthographische Prüfung meines nun folgenden Kommentars verzichten müssen, ich entschuldige mich dafür):

    1. Sie schreiben: „Während die heutige Ostukraine schon immer russisch und die Krim osmanisch gewesen sind, unterstand die Zentral- und Westukraine erst Litauen und nach der Union von 1569 der polnisch-litauischen Union,“ hierzu: Das Gebiet der Ukraine war nach seit der Taufe der Rus um das jahr 1000 Nachdem sich die Kiewer Rus gerade mal etwa 170 jahre Bestandteil der Rus. Als die Kunanischen Angriffe nicht mehr abgewehrt werden konnte ließ der Großfürst Andrej Boguljubski die Stadt Kiew durch seinen Bruder Mstislav zerstören, alle Nichtkleriker umbringen um den Kumanen verbrannte Erde zu hinterlassen und verlegte den Sitz der Rus nach Susdal. Als die Goldene Horde die Rus etwa 70 Jahre später unterwarf existierte sie als Staat bis zum Jahr 1485 überhaupt nicht mehr. Erst durch den zerfall der Goldenen Horde gelang es dann dem Großfürsten Iwan III. sein Großfürstentum Moskau in die Unabhängigkeit zu führen. Gleichzeitig erklärte er sich willkürlich zum Alleinigen Erben und Fortsetzer der Rus. Die von ihm begründete Leibeigenschaft führte zu gewaltigen Fluchtbewegungen aus Rußland hinter die Grenze (Ukraina), wo im Wesentlichen aus diesen Flüchtlingen eine Gesellschaft entstand, die tatarisch „kosaken“=Jäger, Steppenbeuter genannt wurden. Was sie überhaupt zu einem Volk gemacht hatte, war die Flucht aus dem Zarenreich.

    2. Sie schreiben: „der ruthenische Landadel“ habe sich „1654 im Vertrag von Perejaslaw unter den Schutz des Zaren Alexander III. gestellt“ dies ist die einseitig Russische Interpretation der EWide von Perjaslaw. Die Kosakische Interpratation ist, daß diese Eide ein militärisches Bündnis zwischen Gleichberechtigten (Zar Alexej und Hemtran Chmelnitzky) besiegelten. Sie schreiben weiter „und fortan die heutige Ukraine mit Ausnahme des Lemberger Gebietes – von den Habsburgern dann Galizien genannt – russisch waren.“ Unsinn. Auch nach dem Vertrag von Adrussowo 1667 verblieb die gesamte westliche Ukraine bis an den Dnepr mit Ausnahme der Stadt Kiew (und keinesfalls, wie Sie schreiben nur das „Lemberger Gebiet“) bei Polen. Und dies bis zu den polnischen Teilungen.

    3. Sie schreiben: „Im Jahre 1793 kam die Halbinsel zu Russland, sie wurde vom berühmten Fürsten Potjomkin für die nicht minder legendäre Zarin Katharina II „von nun an und für alle Zeiten“ annektiert.“ Das ist ergänzungsbedürftig. Der „berühmte Fürst Potjomkin“ hat einen durch nichts begründeten Raubkriegegen das lose dem Osmanischen Reich unterstehende und damals seit mehr als 500 Jahren bestehende Khanat der Krim (Hauptstadt Bachtschissaray) geführt, die im übrigen auch vorher nie der Rus angehört hatte. Jenseits des Krimgebirges war sie zum Zeitpunkt der Eroberung Kostantuinopels durch die Osamanen seit tausend Jahren griechisch, die Zentralkrim war gar schon seit der zeit um das jahr 350 Ostgotisch. Dies ging einher mit der massenflucht von etwa 800.000 Einheimischen Tataren in die Türkei, mit Massenmorden und mit der gewaltsamen inbesitznahme der daduch verödeten Zentralkrim durch die Russen. Die Tataren haben diese räuberische Inbesitznahme über nun schon etwa 10 Generationen niemals akzeptiert und mußten dies mit weiteren drakonischen Übergriffen, Deportationen und Massenmorden bezahlen.

    4. Sie schreiben: „Aber auch in der seit je her russischen Ostukraine – Charkow, Donetzk, Saporoschjie, Lugansk“. Hierzu: Charkow ist eine Kumanische Gründung. Sie entstand nach der Zurückdrängung der Kiewer Rus nach Susdal. 2. Die Stadt Saporoshje =“hinter den Stromschnellen“ ist eine Kosakische Gründung (Saporoger Sitsch)=eine Gründung von Flüchtlingen aus dem russischen Reich. 3. Die Stadt Donezk ist eine Investition eines Schottischen Idustriellen namens Hughes. Er baute dort im Niemandsland ein Stahlwerk, das zur Keimzelle der gesamten Reegion wurde, bis die Kommunisten die verbliebenen Engländer von dort vertrieben und sich das Werk unter den Nagel rissen. Sie hieß zunächst (nach Hughes – ausspracheähnlich „Juschowka“, danach Stalino und seit Chruschschow Donezk nach dem Fluß Donez. Lugansk durch eine französische Investition (ebenfalls Stahlwerk) zur Stadt geworden. Urussisch ist hier gar nichts. und schon gar nicht von „je her“.

    5. Ich habe nicht genügend Zeit, mich all Ihren absurden Fehlinterpretationen und willkürlichen Deutungen zu widmen. Aber wenigstens noch so viel: Dioe Ukraine war nach der Februarrevolution nach nicht mal 130 jahren Zugehörigkeit zu Russland das sich als erstes unter dem namen „Volksrepublik Ukraine“ von Russland lossagte und für Unabhängig erklärte, worauf sich wie heute im Osten prorussische Bürgerkriegsarmeen die nach halbdemokratieschen prinzipien entstandene Zentralna Rada mit gewalt vertrieben und dann im Jahr 1918 der rote General Murawjow die Stadt Kiew überrennen, plündern und brandschatzen ließ. Die Ukraine hat sich dem bolschewisstischen Putsch am nachhaltigsten und blutigsten widersetzt. Mit der Flucht des Generals wrangel von der Krim vor den truppen des Roten Generals Tuchatschewski erst war der krieg entschieden. beim Einzug in Sewastopol brate die Rote Armee (Quelle A. Solshenizyn) etwa 190.000 Menschen um, die sie an Straßenlaternen Aufhängten oder im Umland verscharrten.

    6. Im Zuge der Entkulakisierung und der von den Russen organisierten Hungersnot unter den Ukrainern kamen 4,5-6,5 Millionen Menschen um und weitere 4-5 Millionen wurden deportiert. meinen Sie wirklich, diese exorbitanten Morttaten (hinzu kommen noch die infolge der Stalinistischen Säuberungen 1934-38 und die im Zuge der Bestrafung der Kollaboration mit den Nazis (nochmal ca. Eine Mio Menschen ) müßten in einem Beitrag wie dem Ihren nicht zu Sprache kommen?

    7. Die „Schenkunmg der Krim an die Ukraine“ ist eine dümmliche Legende. Wegen der völligen Neukonzeption der Krim-.Wasserversorgung (Kachowka-Staudamm+Nord-Krim-Kanal) ließ sich das Gesamtsystem nur noch zusammen mit dem Dnepr-Regime betreiben, das allerdings nur von Kiew aus möglich war, weshalb dieser Verwaltungsakt unumgänglich war.

    8. Sie haben kein Wort über den russischen Bruch des Budapester Memorandums von 1994 verloren, einer zeitenwende in der Weltpolitik. Niemals wird nun jemals ein Land wieder bereit sein, über sein Atomwaffenpotential zu verhandeln.

    9. Die Mär von der „Zweiteilung der Ukraine“ ist zum Glück nun durch die Ergebnisse von Präsidentschafts- und Parlamentswahl widerlegt.

    10. Ihre Behauptung, daß Rußland keinen Krieg will, ist wiederlegt. Auch die Frage, ob wir in einen neuen kalten Krieg hineingezogen werden oder nicht. Es gibt den von Russland gewollten, begonnen und geführten Krieg längst. Er findet etwa 50-150 km östlich westlich der russischen Grenze in der Ukraine statt und bedroht die Stabilität ganz Osteuropas.

    11. Ich möchte Ihnen abschließend sagen, verehrter Herr Krah, dass ich nie wieder russischer Untertan werde und das es mir meine Pflicht als Mensch gebietet, jedem heute freien Menschen, dem diese Gefahr droht, beizustehen, wenn er sich ihr entziehen will. Aus diesem Grund muss ich eingestehen, dass mich Ihr Beitrag schockiert, zumal er von einem Mitglied meiner Partei kommt.

    Gruß Vaatz

    15. Januar 2015
    • Lieber Herr Vaatz, Ihre sehr gründliche und bildungsintensive Antwort verdient eine Erwiderung.

      1. Historische Begründungen aktueller politischer Forderungen sind immer heikel. Ich habe damit angefangen, insofern ist es Selbstkritik.

      Ich wehre mich dagegen, vor dem 19. Jahrhundert im heutigen Sinne von „Russen“, „Ukrainern“ etc. zu schreiben. Wir hatten eine orthodoxe ostslawische und eine muslimische tatarische Bevölkerung. Hinzu kamen, die muss man unterscheiden, die katholischen Polen. Die Bevölkerungsmehrheit östlich von Lemberg, da sind wir uns sicher einig, war auch unter polnischer Herrschaft immer ostslawisch.

      Diese ostslawische Bevölkerung war aber durch die staatliche Zugehörigkeit zu Polen-Litauen und die Union von Brest mit dem Papst uniert, also in einer Zwischenrolle. Die Frage nach der nationalen Identität stellte sich mit Ausnahme Polens erst im 19. Jahrhundert. Und hier hatten und haben die Ostslawen zwischen Lemberg und dem Dnepr zwei Möglichkeiten: Sie konnten sich als „Kleinrussen“ neben „Weißrussen“ und „Großrussen“ als ein Teil des russischen Volkes fühlen – oder eben eine „ukrainische“ Sonderidentität anstreben. Und das ist bis heute nicht entschieden, auch kulturell nicht. Ukrainisch als eigene Sprache oder als ostlawischer (russischer) Dialekt, das ist genauso unklar und politischer Vorprägung unterworfen wie die Frage nach der Existenz einer eigenen serbischen wie kroatischen Sprache in Abgrenzung vom Serbo-Kroatischen.

      Dieses Problem stellte sich aber auf der Krim nie. Denn dort war nach der Eroberung durch Potjomkin, wie immer wir die beurteilen, die Sache klar: Die Bevölkerungsmehrheit verstand sich als Russen, die Tataren waren marginalisiert, und als Ukrainer fühlten sie sich erst recht nicht. Übrigens findet sich die Geschichte mit den „Massenmorden“ durch die Russen nach der Eroberung der Krim 1793 in nicht-ukrainischen Geschichtsbüchern nicht.

      2. Politische Ansprüche werden heute nur noch anerkannt, wenn sie demokratisch legitimiert sind. Eine historische Herleitung hilft nichts, wie wir ja beim Amselfeld/ Kosovo gesehen haben, wo die Serben die besseren historischen Argumente haben.

      Sind wir uns einig, dass die übergroße Mehrheit der Krimbevölkerung keinen Bock mehr auf Ukraine hat und lieber zu Russland will? – Wir müssen nicht über die russischen 93 + x Prozent reden; aber ich kenne niemanden, der eine Mehrheit für Russland von weniger als 70 Prozent annimmt.

      Das Referendum über die Loslösung von der Ukraine hatte die noch unter ukrainischem Recht gewählte Krim-Führung unmittelbar nach der Maidan-Revolte angesetzt. Ich will nicht im einzelnen diskutieren, ob dieses Referendum legal war oder nicht – keine Sezession ist nach dem Recht des Landes, von dem man sich seziert, legal. Nicht in Slowenien, nicht in Kroatien, nicht im Kosovo. Ich möchte aber schon festhalten, dass es auf der Krim einen unbestreitbaren Mehrheitswillen für eine Abkehr von der Ukraine gab und gibt. – Was ich für Donezk und Lugansk übrigens nicht so sehe, da ist es unklar.

      3. Völkerrechtlich ist es deshalb auch unklar. Ich habe das unlängst mit dem Völkerrechtler der Uni Marburg besprochen. Die Grenzen von Sezession und Annexion sind hier nicht klar, beides ist vertretbar. Und was das Budapester Memorandum angeht – es gibt auch einen Sicherheitsratsbeschluss, der die Zugehörigkeit des Kosovo zu Serbien garantiert. Was ich damit sagen will: Ich wehre mich als Jurist gegen die Reduktion von Außenpolitik auf Völkerrecht. Völkerrecht ist immer fließend, es eher in Formen geronnene Politik denn kodifiziertes Gesetz.

      4. Kurzum: Wenn die Krimbevölkerung partout zu Russland gehören will, dann habe ich nichts dagegen. So ist das eben: Man muss auch die Meinungen anderer Leute anerkennen, selbst wenn sie einem nicht passen. Auf keinen Fall halte ich einen neuen Kalten Krieg gegen Russland für angemessen, nur weil uns die Mehrheitsmeinung der Krimbevölkerung nicht passt und, dass Moskau diese Stimmung ausnutzt. It´s not our business.

      In der Ostukraine sieht es anders aus. Aber da reden wir auch über eine Autonomie innerhalb der Ukraine, nicht über eine Sezession mit Anschluss an Russland. Und dieses Streben nach Autonomie ist auch nachvollziehbar.

      5. Damit müssen wir noch einen Blick auf die ökonomische und politische Lage in beiden beteiligten Ländern werfen.

      Die Unabhängigkeit der Ukraine ist nämlich keine Erfolgsgeschichte. Bis 1991 sorgte die sowjetische Planwirtschaft für etwa gleiche Lebensverhältnisse im ganzen Land, zumindest in den slawischen Kerngebieten. Ab 1991 musste jeder für sich wirtschaften. Das Bruttoinlandsprodukt je Kopf lag bei der Unabhängigkeit in der Ukraine bei etwa 50% des russischen – es fehlten die Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung – und in etwa auf dem Niveau Rumäniens oder Polens. 2013, also vor der Krise mit Russland, war die Ukraine auf unter 30% des russischen BIP/Kopf abgerutscht. Im Vergleich zu anderen osteuropäischen Staaten liegt es nun bei weniger als der Hälfte des rumänischen und bei einem Drittel des polnischen BIP/Kopf. Wenn sich also ein Industriearbeiten in Donezk mit seinem Cousin in Rostow am Don vergleicht, so ist der vor 1991 stolze Stahlwerker heute ein armer Mann.

      Politisch ist es nicht besser. Die ukrainische Wirtschaft ist heute in den Händen von etwa 10 Oligarchen. Diese üben auch politische Macht aus. Der Präsident ist Oligarch, dem neben Schokoladenfabriken auch TV-Kanäle gehören. Ihren Reichtum verdanken sie, wie auch in Russland, organisierter Kriminalität. Die Biographie des reichsten Ukrainers, Rinat Achmetov, ist schillernd. Oligarchen sind nun die ernannten Gouverneure, gerade im Osten. Das entspricht etwa dem Russland der 1990er Jahre, unter Jelzin. Putins eigentliches Verdienst ist es, die politischen Ambitionen der Oligarchen beschränkt zu haben: Beresowski, der das TV kontrollierte, ist in London, Chordokowski, der offen politische Macht forderte, wurde inhaftiert, die anderen auf ihr Geschäft reduziert. Erst das schuf die strukturellen Voraussetzungen für die Herausbildung einer Mittelschicht, die es eben heute in Russland, nicht aber in der Ukraine gibt.

      Ökonomen sind über nahezu alles im Streit. Aber so weit ich es überblicke besteht Einigkeit, dass eine Volkswirtschaft mit einer derartig ungünstigen Verteilung von Vermögen und Macht wie die ukrainische nicht wachstumsfähig ist. Billanziell gesehen verbrennt die Ukraine seit 1991 das Eigenkapital, was sie aus der Konkursmasse der Sowjetunion mit übernommen hat. Investitionen, Innovationen – alles Fehlanzeige.

      Russland ist weit entfernt von idealen Zuständen. Sein Wachstum ist rohstoffgetrieben und damit hochgradig von Schwankungen an den Weltmärkten abhängig. Die heimische Industrie ist ähnlich rückständig wie die ukrainische. Alles unbestritten. Aber doch gibt es eine Mittelschicht, gibt es ein höheres Niveau an Rechtssicherheit, gibt es eine Trennung von ökonomischer und politischer Macht, gibt es eine Binnennachfrage, ist das Vertrauen in staatliche Institutionen höher und bestehen Ansätze einer unabhängigen Justiz. Um es zu exemplifizieren: Einen Unternehmer, der in der Ukraine, vielleicht mit einem ausländischen Partner, eine Schokoladenfabrik eröffnen will, werden Sie nicht finden. Russland fördert solche Gründungen recht großzügig.

      Wenn die Ukrainer also vergleichen, dann ist das russische dem westlichen Modell unterlegen, aber beide Modelle sind dem ukrainischen überlegen. In Lemberg wird man sich zutrauen, zu Polen, Rumänien und der Slowakei aufzuschließen, aus historischen, geographischen und politischen Gründen. Aber in Charkow, Donezk, Lugansk? Und in Simferopol ist die Meinung eindeutig.

      6. Sie schreiben, Sie wollten „nie wieder russischer Untertan werden“ – da sind wir uns einig! Aber diese Gefahr ist doch auch völlig irreal. Würde ich in Simferopol leben, wäre ich lieber russischer Untertan als ukrainischer. Die Frage ist, wie lange die Ukrainer noch an die Reformfähigkeit ihres Landes glauben. Aktuell erlebt der ukrainische Nationalstolz einen neuen Schub. Gut so! Aber wenn auch dieser Anlauf wieder nur zu neuer Armut, Korruption und Unterdrückung durch die eigene Oligarchie führt, wird es einen neuen geben? Und wie wird der enden?

      Das Problem ist, dass die Ukraine dringend reformbedürftig ist und ich befürchte, dass der Konflikt mit Russland diese Reformen vereitelt. Der Maidan richtete sich doch primär gegen die Oligarchie – die aber heute mächtiger ist als zuvor. Warum sollten die von sich aus auf ihre Macht verzichten? Aber ohne einen solchen teilweisen Verzicht wird sich die Ukraine nie entwickeln.

      Russland sehe ich deutlich positiver als Sie. Für mich ist es das Land Dostojewskis, Tolstois, Tschaikowskis, aber auch Scholochows, Schostakowitschs, Solschenizyns. Russland hat Europa 1813 wie 1941-45 mit gerettet. Es hat 1848 die Habsburger gerettet und 1853-56 den letzten europäischen Krieg explizit unter Berufung auf das Christentum geführt – übrigens um die Krim. Russland ist auch das Land einiger guter Freunde. Die Konflikte mit der kulturell, soziologisch und historisch sehr ähnlichen Ukraine sind traurig. Und deshalb bin ich dagegen, hier um der ökonomischen und politischen Interessen der Kiewer Oligarchie eine anti-russische Politik zu betreiben. Wir brauchen Ausgleich und Verständigung. Wir müssen dabei immer den politischen Willen der betroffenen Menschen zum Maßstab machen. Auf der Krim wie in Lemberg. Wir müssen das Vereinende und Gemeinsame über das Verschiedene und Trennende stellen. Und uns der Größe und Bedeutung der deutsch-russischen Partnerschaft bewusst sein.

      Wenn Sie diese Meinung „schockiert“, dann würde mich das erschrecken.

      Herzliche Grüße!

      MK

      16. Januar 2015

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