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Urban heißt nicht links!

New+York

Mitte Oktober traf ich in New York Jeff Ballabon, einen renommierten Republikaner. Wir unterhielten uns über die anstehende Präsidentenwahl und den Nahost-Konflikt. Wir waren uns einig, dass wenn Jerusalem fällt, die islamische Welle auf Europa übergreifen würde und Europa zu weich, wankelmütig und wertevergessen ist, um sich in einem solchen Fall verteidigen zu können. Er erzählte mir, dass er vor einiger Zeit einem Freund, der in der Synode der Episkopalkirche, dem amerikanischen Zweig der Anglikaner, aktiv ist, vorhergesagt hatte: „Wenn Ihr die Homoehe anfangt zu segnen, werdet Ihr auch in spätestens fünf Jahren im Nahostkonflikt die Seiten wechseln.“ Tatsächlich habe es nach der Aufgabe des biblischen Eheverständnisses anderthalb Jahre gedauert, bis die Episkopalkirche ihre Unterstützung für Israel aufgab. Dinge gehören zusammen. Werte sind nichts Beliebiges, Austauschbares.

Sie erhalten ihre Bedeutung durch das ihnen zugrunde liegende kulturelle System. Diese Kultur begründet unsere Identität als Deutsche, Europäer und Westler.

Ein Linker begreift das nicht. Für ihn ist der Staat eine Abfolge von rechtlichen Verfahren. Kultur, Identität und Moral sind für ihn reine Privatsachen, die in der öffentlichen Sphäre nichts zu suchen haben. Ein Konservativer weiß hingegen, dass der demokratische Rechtsstaat von geistigen Voraussetzungen lebt, die er selbst weder schafft noch erhält. Es ist absurd zu behaupten, dass es keinen Unterschied macht, ob irakische Christen oder irakische Schiiten einwandern. Es ist absurd, moralische Fragen aus der Politik auszuklammern, so als seien sie für die Existenz und Zukunft unseres Landes irrelevant. „In der Schwulenszene der Bronx habe ich genügend Wohnungen von Männern gereinigt, die an AIDS starben, um zu verstehen, dass die Kontrolle sexueller Begierde entscheidend für jede menschliche Gesellschaft ist.“ schreibt der bisexuelle amerikanische Literaturprofessor Robert Lopez in einem bemerkenswerten Aufsatz über sein schweres Leben.[1]

Unsere Partei, die CDU, führt aktuell eine Debatte um eine angeblich notwendige „Modernisierung“. Das klassische Familienmodell, die Ehe, aus der Kinder erwachsen, die in der Geborgenheit der monogamen Lebensgemeinschaft von Mutter und Vater heranwachsen, wird als „überholt“ hingestellt. Stattdessen sollen wir, so etwa der Baden-Württembergische Landesparteichef Thomas Strobel, „die erfolgreiche wirtschaftspolitische Erzählung mit einer Erzählung von Ökologie, Emanzipation und Gleichberechtigung zu verbinden.“ Mit anderen Worten: Wirtschaftsliberalismus plus Aufgabe jedes gesellschaftlichen Ordnungsgedankens, alles soll gehen, alles soll gleich gut sein, piep piep piep, wir ha´m uns alle lieb. Ole von Beust, 55, der sich unlängst mit seinem 18jährigen Neffen verpartnert hat, setze noch einen drauf, und forderte, die Union müsse sich den „urbanen Realitäten“ stellen und „Abschied von konservativen Positionen nehmen“.

Na dann, stellen wir uns den urbanen Realitäten! In Hamburg büßte die Union für von Beusts schwarz-grüne Koalition und seine Aufgabe konservativer Positionen in der Schulpolitik mit einem Verlust von 21 Prozent und dem schlechtesten Wahlergebnis in der Geschichte. In Nordrhein-Westfalen führte der „Modernisierer“ Norbert Röttgen die Union gleichfalls in das schlechteste Landtagswahlergebnis ihrer Geschichte. In Berlin bescherte der „Modernisierer“ Friedbert Pflüger der Union 2006 das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Aufwärts geht es, seit dem der bodenständige Frank Henkel den Landesverband übernommen hat. Berlin, Hamburg, NRW sind sicher „urbane“ Bundesländer – und die Realität zeigt, dass der „Abschied von konservativen Positionen“ vor allem zu einem Abschied der Wähler von der Union führt. Aktuell werden von den 20 größten deutschen Großstädte noch drei von CDU-Oberbürgermeistern regiert: Düsseldorf, Wuppertal und Dresden. Wir haben bei der Stadtratswahl 2013 und der OB-Wahl 2014 dafür zu sorgen, dass es nicht noch weniger werden. Alle Erfahrungen zeigen: Eine CDU ohne Werte, ohne Profil verliert. Steuererhöhungen und Schulden für Prestigeprojekte haben noch nie zu einem CDU-Wahlsieg geführt.

Und das liegt an den „urbanen Realitäten“. Nach wie vor sind von 20 Millionen Paaren in Deutschland 90 Prozent verheiratet. In 70 Prozent der Ehen wachsen Kinder auf. Die Realität ist sehr konservativ, es ist die Mama-Papa-Kinder-Ehe. Ehe und Familie bedürfen unseres besonderen Einsatzes und Schutzes, wie es auch das Grundgesetz fordert. Konservative Werte sind nicht veraltet, sie werden gelebt und funktionieren. Alle Studien zeigen, dass sich Kinder am besten in intakten Familien entwickeln. Angesichts der dramatischen Überalterung unserer Gesellschaft sind Familien unsere einzige Hoffnung. Mit Abtreibung und Ehegattensplitting für eingetragene Partnerschaften ist keine Zukunft zu haben.

Was den traditionellen Werten fehlt ist eine starke Lobby. Zu viele CDU-Politiker sind sich zu fein, für sie einzustehen. Gerade die provinziellsten von ihnen, die nie aus ihrer Stadt, ihrem Milieu hinausgekommen sind, die nur eins können: Funktionär sein, meinen offenbar, ihre nicht vorhandene „Urbanität“ dadurch vortäuschen zu können, in dem sie das in Frage stellen, was unsere Partei konstituiert und unsere Mitglieder und Wähler leben. Das ist aber kein „Querdenken“, kein „Vordenken“, das ist überhaupt kein Denken. Es ist Selbstaufgabe.

Entweder wir sind bereit, auch dort für unsere Überzeugungen zu kämpfen, wo wir derzeit vielleicht in der Minderheit sind, oder wir werden früher oder später alle Überzeugungen über Bord werfen. Was in der Familienpolitik beginnt, setzt sich in der Steuerpolitik fort und endet in der Außen- und Bündnispolitik. Ein jüdischer New Yorker Republikaner weiß das. Aber aus dem Blickwinkel mancher CDU-„Erneuerer“ ist der wahrscheinlich einfach nicht „urban“ genug.


[1] „Growing up with two mums“, http://www.thepublicdiscourse.com/2012/08/6065/

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