Zum Inhalt springen

Die Armen reicher machen, nicht umgekehrt!

Im Frühjahr 2012 kaufte Facebook Instagram für über eine Milliarde Dollar. Instagram vertreibt eine Software für Smartphones, um Fotos zu bearbeiten und mit Anderen zu teilen. Die Firma beschäftigt 12 Mitarbeiter. Im Januar meldete Kodak Insolvenz an. Die Firma beschäftigt fast 13.000 Mitarbeiter. Instagram und Kodak sind beide in der Fotobranche aktiv.

„It´s the economy, stupid!“ war wohl der erfolgreichste Wahlslogan Bill Clintons: Es geht um die Wirtschaft, Dummerchen! Wähler erwarten von Politikern vor allem eine gute Wirtschaftspolitik. Aber was ist eine gute Wirtschaftspolitik? „Eine gute Wirtschaftspolitik erkennt man daran, dass sie die Armen reicher macht, nicht die Reichen ärmer!“ – dieser Aussage würde in Umfragen eine klare Mehrheit zustimmen, während die konkreten Maßnahmen, das umzusetzen, heiß umstritten sind.

Die Gegner dieses wirtschaftspolitischen Ansatzes verweisen darauf, dass in den letzten Jahren die Einkommensunterschiede stark angewachsen sind. Die Ursache dafür sehen sie in wirtschaftlicher Freiheit, ihre Forderung sind mehr Umverteilung und höhere Steuern, kurz: die Reichen ärmer machen.

Dabei übersehen sie nicht nur, dass das den Ärmeren nichts nutzt, sondern auch die Ursachen für diese Einkommensentwicklung: Technischer Wandel und Globalisierung. Die Computer- und Informationstechnologie hat unsere Art zu wirtschaften und zu leben gründlich verändert. Es ist eine weitere Industrielle Revolution. Aber, wie der Ökonomie-Nobelpreisträger Solow feststellt: „Es ist in allem eine Industrielle Revolution außer in Produktivitätsstatistiken.“ Tatsächlich wirkt sich die Informationstechnologie nur in bestimmten Branchen und für bestimmte Berufsgruppen in einer teils exorbitanten Produktivitätssteigerung aus, und selbst das teilweise nur in einzelnen Ländern: „Americans do IT better“ lautet etwa der Titel eines der maßgeblichen Fachaufsätze. Weil aber in einer Marktwirtschaft das Einkommen an der Produktivität hängt, führt die ungleiche Auswirkung der Informationstechnologie auf die Produktivität auch zu ungleichen Einkommensentwicklungen. Um beim Beispiel zu bleiben: Die 12 Mitarbeiter von Instagram sind sämtlich Millionäre geworden, die 13.000 von Kodak bangen um ihren Job.

Hinzu kommt die Globalisierung, diese weltweite Verzahnung der Wirtschaft, die zu Wettbewerb über Ländergrenzen und Kontinente führt. Produkte können weltweit hergestellt werden, weil Transportkosten massiv gesunken sind. Produktionskosten setzen sich aus vielen Einzelkosten zusammen. Löhne und Gehälter sind nur ein Bestandteil neben anderen wie Rechtssicherheit, Besteuerung, Erreichbarkeit, Ausbildungsniveau der Mitarbeiter etc. Und dennoch: In einem globalen Wettbewerb der Produktionsstandorte können Löhne und Gehälter nicht unbegrenzt wachsen, ohne die Konkurrenzfähigkeit zu gefährden.

Das gilt jedoch nur für die Industrieproduktion. Denn natürlich kann sich ein Franzose ein japanisches Auto kaufen, wenn das französische zu teuer ist. Oder die deutsche Automobilindustrie kann sich Zulieferer aus Osteuropa suchen, wenn der deutsche Mittelstand wegen hoher Löhne keine vergleichbaren Preise anbieten kann. Aber niemand in Dresden fährt zum Essen nach Breslau, niemand in Zürich zum Haareschneiden nach Cottbus, niemand in Hamburg zum Feiern nach Bukarest. Dienstleistungen sind nicht globalisiert, sondern lokal. Und das betrifft auch Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Immobilienmakler, Hausverwalter, Kfz-Werkstätten, Handwerksbetriebe und vieles mehr.

Noch interessanter wird es, wo Dienstleistungen und Globalisierung zusammentreffen. Bei Forschung und Entwicklung. Ideen können theoretisch weltweit geboren und umgesetzt werden. Aber nur theoretisch. In der Praxis sammeln sich die Kreativen und Erfindungsreichen an wenigen Plätzen. Sie brauchen den Austausch untereinander. Sie schätzen ein angenehmes Umfeld, ohne Kriminalität, mit guten Schulen und Kliniken, mit Kultureinrichtungen, einem angenehmen Klima. Bevor Apple eine neue Fertigungsanlage errichtet, prüft es weltweit zahlreiche Standorte. Ein Entwicklungs- und Verwaltungszentrum außerhalb des kalifornischen Sillicon Valley ist undenkbar. Die Entwickler von neuer Technologie sind dabei auch keiner Konkurrenz ausgesetzt – denn niemand außer ihnen hat die Entwicklungen, die sich auf den Markt bringen. Sie können damit den Preis verlangen, den ihre Entwicklungen beim Käufer an Wert bringen, ohne auf Wettbewerber achten zu müssen. Und sei es eine Milliarde für eine Fotobearbeitungssoftware.

Will man die Armen reicher machen, muss man das alles beachten. Der Motor wirtschaftlicher Entwicklung ist die Technologieentwicklung. Dort entstehen die Instagrams, die dann lokal zu den Dienstleistungsjobs führen, die nicht im globalen Wettbewerb stehen. Deshalb verdient eine Friseurin in Zürich 3.500 Schweizerfranken und in Cottbus 800 Euro. Und deshalb verlangt der Wirtschaftsprüfer in München höhere Sätze als in Dresden, die er dann auch lokal in Geschäften, Restaurants und Kultureinrichtungen ausgibt.

Hier muss die Wirtschaftspolitik ansetzen. Dresden hat neben München den höchsten Anteil an Akademikern in Deutschland. Die Forschungslandschaft ist einzigartig, würde man nur die Ingenieur- und Naturwissenschaften berücksichtigen, sind wir deutschlandweit die Nummer eins. Dieses enorme Potential liegt brach. Es gibt nahezu keine Gründerszene, die wenigsten Studenten planen die Gründung eines eigenen Unternehmens, privates Risikokapital fehlt, staatliche Programme sind unzureichend. Während es für eine Kodak-Fabrik umfangreiche Subventionen gäbe, wären die Instagram-Gründer auf sich gestellt.

Unsere Wirtschaftspolitik ist nicht auf der Höhe der Zeit. Sie macht nicht die Armen reicher, sie macht gar nichts. Und lässt damit Raum für die Sozialisten, die nichts können außer die Reichen ärmer machen. Das befriedigt immerhin den Sozialneid und andere niedere Beweggründe. Aber es hilft niemandem. Sicher, die Armen reicher machen schließt ein, dass die Reichen auch noch zulegen. Aber das ist immerhin eine Alternative: Wollen wir Wohlstand für alle oder Armut für alle? Bei dieser Auswahl gewinnen wir, aber bei einem Weiter-so droht der Erfolg der Linken.

Bisher keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: