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Habe nun, ach, Juristerei studiert!

In einem Land wie Deutschland, das vom Fleiß und der Intelligenz seiner Bewohner abhängt, ist Bildungspolitik eminent wichtig. Das betrifft nicht nur die Schulen, sondern auch das Hochschulsystem; ohne den Erfindungsgeist von Naturwissenschaftlern, die Professionalität von Ingenieuren und das strategische Denken von Managern und Rechtsanwälten lässt sich eine Industrie nicht betreiben, ohne die Reflektionen von Sozialwissenschaftlern und Philosophen eine hochkomplexe Gesellschaft nicht zusammenhalten, ohne die Effizienz von Verwaltungsbeamten und Richtern kein Staat machen. Bis zum Machtantritt der Nazis 1933 waren deutsche Universitäten weltweit führend; was heute Harvard, Yale und Columbia sind, waren Heidelberg, Marburg und Berlin. In der Ingenieurausbildung ist Deutschland nach wie vor konkurrenzfähig, aber bei den Geisteswissenschaften findet sich keine deutsche Universität mehr unter den 50 angesehensten der Welt, wenn man den einschlägigen Ranglisten glauben kann. Seit meinem deutschen Jurastudium und meinem Engagement in der Studentenvertretung und beim Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) beschäftige ich mich mit Fragen der Hochschulentwicklung. Ab 2010 bis 2012 habe ich an der Columbia University in New York und der London Business School Betriebswirtschaft studiert, mit einem Austauschseminar an der Hong Kong University: http://www.emba-global.com. Einige Erfahrungen und Einsichten für die Hochschulpolitik möchte ich im Folgenden kurz darstellen.

Mein Studienprogramm richtet sich an Führungskräfte in der Wirtschaft. Es ist teuer. Die Aufnahmeprozedur ist rigoros: es ist schwieriger hereinzukommen als durchzukommen. Die Studenten stammen aus der ganzen Welt, vom russischen Vize-Industrieminister bis zum New Yorker Rechtsanwalt, vom brasilianischen Banker bis zum Fondsmanager aus Dubai. Ebenso gemischt sind die Professoren. Die Geburtsländer umfassen Uruguay, Italien, Israel, Indien, Deutschland, Canada; USA und Großbritannien sind in der Minderheit. Die Lebensläufe sind ähnlich international, selbst bei identischer Nationalität, wie man an zwei in London lehrenden Italienern sieht. Die eine, Volkswirtin, studierte zunächst in Italien, promovierte in New York, assistierte kurz in Bonn, war Professorin in Frankreich und Belgien und anschließend Direktorin des Expertenbeirates der Europäischen Zentralbank, ehe sie nach London ging. Im Nebenamt ist sie Aufsichtsrätin der Großbank Unicredito. Der Marketing-Professor verließ Italien als Kind, wuchs in Australien auf, studierte in Barcelona und promovierte in Harvard. Allein diese Kombination von Menschen – Professoren, Assistenten, Studenten – die alle ihre Vorkenntnisse, Erfahrungen und persönlichen Prägungen mitbringen, schafft eine herausfordernde Atmosphäre, die durch einen rigorosen Leistungsdruck noch gesteigert wird. Das Studium prägt und fordert dadurch die gesamte Persönlichkeit, jeder ist Teil einer diversen Gemeinschaft, die ein gemeinsames Ziel verfolgt.

Bereits hier zeigt sich ein Aspekt, der in Deutschland bislang kaum beachtet wird. Ausländische Studenten sind nicht nur deshalb von Vorteil, weil sie für ein internationales Image stehen oder anschließend deutsche Ideen im Ausland verbreiten, vielmehr ist eine internationale Studentenschaft für die Qualität der Ausbildung insgesamt relevant. Und das gilt auch für die Professoren. Es gibt einen weltweiten Arbeitsmarkt für Wissenschaftler, an dem deutsche Universitäten nicht teilnehmen. Das liegt sicher an der Sprachbarriere, aber auch an Dienstrecht und Beamtenstatus. Während selbst in Frankreich Hochschulen, die auf sich halten, Kurse zum Teil in Englisch anbieten, ist das bei uns so gut wie nicht der Fall. Ausländische Studenten und Professoren gewinnt man nicht mit einer hübschen Begrüßungszeremonie, sondern mit Studien- und Jobangeboten, die ihnen etwas für das Leben bringen.

Eine solche Sichtweise setzt voraus, den Studenten als „Kunden“ zu sehen. Das ist er spätestens dann, wenn er für seine Ausbildung bezahlt. Studiengebühren! Jede deutsche Debatte beginnt und endet damit, und gern wird der Eindruck erweckt, wenn Studiengebühren kommen, zerfällt der soziale Friede im Land. Ich nehme nun an einem Programm teil, in dem es durchaus üblich ist, dass – auch deutsche – Kommilitonen Kredite aufnehmen, um es sich leisten zu können. Wieso? Weil sie wissen, dass der Wert der Ausbildung, ihr Gehaltssprung danach, diese Last aufwiegt. Ich habe nie verstanden, was sozial daran sein soll, dass die ganze Gesellschaft, also auch die Arbeiter, Angestellten, Rentner, hier die Bildungsinvestitionen der zukünftigen Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten zahlen. Natürlich liegt es im gemeinsamen Interesse, dass Spitzenkräfte ausgebildet werden. Insofern muss es immer staatliche Zuschüsse an die Hochschulen geben. Nur: was nichts kostet, ist nichts wert. Derzeit tragen die öffentlichen Haushalte 100 Prozent der Kosten. Das Studium ist frei. Ich hatte eine Con-Abiturientin, die ich im Jurastudium wieder traf. Ich begann es nach meinem Wehrdienst, sie, nachdem sie bereits fünf andere Studien angefangen und wieder abgebrochen hatte. Insgesamt brachte sie es auf acht abgebrochene Studien, ehe sie einsah, dass eine Lehre besser für sie war. Achtmal hat sie Kosten produziert, Ressourcen in Anspruch genommen, ein ganzes Studium durch ihre fehlende Leistung geschwächt. Studiengebühren motivieren. Ein Karlsruher Professor berichtete mir vor kurzem den Effekt, den die Einführung von Studiengebühren an der TU Karlsruhe hatte: die Bewerberzahl stieg von 150 auf 700. Junge, hungrige, leistungsbereite Menschen suchen nicht die kostenlose Hängematte, sondern anspruchsvolle Bildung! Und sie wissen, dass die nicht umsonst ist. Deshalb treffe ich so viele Deutsche, die nach ihrem deutschen Studium sich durch ein teures Auslandsstudium auf das globale Niveau heben. Und deshalb gehöre ich dazu.

Und der soziale Friede? Es wäre einmal eine Aufgabe zu vergleichen, wie hoch der Anteil der Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ an einer deutschen Universität und einer gebührenfinanzierten ausländischen Spitzenuniversität ist. Ich vermute da keinen großen Unterschied. Stipendienprogramme wirken besser und zielgerichteter als die Gebührenfreiheit für alle.

Der Preis der fehlenden Studiengebühren sind weniger motivierte Studenten und Leistungseinschränkungen an deutschen Universitäten. In meinem Programm hatten wir an jedem der Standorte ein eigenes Karriereteam, das beim Kontakteknüpfen und Bewerben hilft, Veranstaltungen organisiert und Rat erteilt. Wir hatten Kursbetreuerinnen, die Ansprechpartner bei allen Fragen sind. Es wurden neben dem Studium soziale Veranstaltungen organisiert, damit die Klasse untereinander geeint ist. All das kostet Geld, ist aber für den Bildungserfolg nicht unwichtig.

Die deutschen Universitäten sind hingegen dazu verpflichtet, eine Art Grundversorgung sicherzustellen. Jeder, der Abitur hat, hat einen Anspruch auf Zulassung zum Studium. Würde eine Universität ein elitäres Programm einführen und Bewerber aussieben, so müsste sie fürchten, dass ein abgelehnter Abiturient klagt. Die Hochschule müsste dann beweisen, dass sie keinen größeren Hörsaal, keinen weiteren Betreuer etc. organisieren kann, um dem Studienwunsch des sicher zu Recht abgelehnten Bewerbers zu entsprechen. In einem solchen System sind Spitzenprogramme nicht denkbar.

Hinzu kommt eine fast schon als Tugend empfundene Resistenz gegen Veränderungen. Die Reaktionen der akademischen Welt auf die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen waren oftmals beschämend. Wer wie ich einmal mit dem Problem konfrontiert war, einer gemischt englisch-amerikanischen Aufnahmekommission erklären zu müssen, was ein „Zweites Juristisches Staatsexamen“ ist, dem fehlt bei Jammereien über den Niedergang der deutschen Universität durch die Einführung international verständlicher Abschlüsse das Verständnis – etwas anderes gilt nur für den Diplom-Ingenieur, ein deutsches Markenzeichen. Mich rettete eine Bestätigung der TU Dresden, wonach mein Promotionsverfahren kurz vor dem Abschluss stehe. Ob ich ansonsten zum Studium zugelassen worden wäre, weiß ich nicht. Natürlich kann man sich fragen, weshalb man englischsprachige Abschlüsse einführt, wenn selbst die Universität Harvard von „Baccalaureus“ und „Magister“ spricht. Aber jenseits aller Bezeichnungen ist das System Geselle-Meister-Doktor, nichts anderes ist ja Bachelor-Master-Doktor, bewährt und entstammt obendrein der europäischen Universitätstradition. Akademische Bildung sollte zum Gestalten von Veränderungen befähigen, nicht zum zitategeschwängerten Begründen von Verhinderungen.

Das Ergebnis solcher Defizite ist, dass weltweit die Ehrgeizigen und Begabten an die angelsächsischen Hochschulen streben. Die „Ivy League“ in New England, das sind Harvard, Yale, Princeton, Columbia, Cornell, Darthmouth, Brown und die Universität von Pennsylvania, dazu Stanford und Berkeley in Kalifornien, Ann Arbor in Michigan, Oxford und Cambridge in England, sowie einige Business Schools und Technische Hochschulen locken weltweit die jungen Menschen an, denen es um Bildung statt Fun geht . Dieser Zustrom an Talenten ist ein wichtiger Standortvorteil der Vereinigten Staaten. Und umgekehrt ein Nachteil für Deutschland.

Die Konzepte sind dabei bekannt und können auch übernommen werden. Das zeigt das Beispiel der London Business School, die bis Mitte der 1990er Jahre eher eine lokale Ausbildungsstätte für die Londoner Finanzindustrie war. Durch ein konsequentes Qualitätskonzept ist es ihr gelungen, heute als beste Business School Europas zu gelten, und nach der Financial Times sogar als beste weltweit.

Die Welt ändert sich. Neue Technologien verändern die Industrie. Länder wie China und Indien entkommen der Armut und nehmen am Welthandel und der Weltpolitik teil. Europa hat beste Voraussetzungen, von diesen Entwicklungen zu profitieren. Aber dazu muss es bereit sein, sich ebenfalls anzustrengen und die Herausforderung anzunehmen. Wissen ist das Kapital der Informationsgesellschaft, Bildung ist der Schlüssel dazu. Wir können in Sachsen auf unsere Schulen stolz sein. Aber bei den Hochschulen hängen wir 20 Jahre zurück. Wir brauchen Leistungsorientierung und Mut zur Veränderung. Die Universitäten sind zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen.

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