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Vorerst gescheitert!

„Vorerst gescheitert“, das in Buchform vorliegende Gespräch zwischen Karl-Theodor zu Guttenberg und ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, hat es erwartungsgemäß auf Anhieb in die Bestsellerlisten für Sachbücher geschafft. Nahezu die gesamte Presse verreißt das Werk und seinen Protagonisten. Der letzte Bestseller, der so einhellig, ja fast reflexartig niedergeschrieben wurde, war Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. In beiden Fällen hat es dem Verkaufserfolg nicht geschadet, und auch sonst gibt es Parallelen.

Die Diskrepanz zwischen Verriss und Verkaufserfolg verweist auf einen Bruch zwischen der politisch-publizistischen Klasse und den Bürgern. Die Verdikte der einen scheren die anderen nicht mehr; im Gegenteil, man gewinnt den Eindruck, dass die Kritik der Etablierten die Verkaufszahlen der Parias geradezu beflügelt: Mal sehen, was die so zu sagen haben. Die Erfolge der beiden Sachbücher, die im Inhalt unterschiedlicher kaum sein können, sind damit auch eine Misstrauenserklärung gegen die professionellen Politikerklärer.

Die politische Agenda in Deutschland hat sich massiv geändert. Noch zur letzten Bundestagswahl spielten europäische Fragen, die Haushaltslage der Euro-Staaten, die finanzpolitische Verflechtung, aber auch die demographische Entwicklung unserer europäischen Gesellschaften keine Rolle. Regionale und nationale Themen bestimmten die Debatte. Heute geht es um Eurobonds und die internationalen Kapitalflüsse. Als ich vor einigen Wochen mit dem Taxi fuhr, drehte der Fahrer das Radio lauter, als in den Nachrichten vom Treffen der EU-Finanzminister berichtet wurde. Europa ist längst bei den Menschen angekommen. Es besteht ein Bedarf, diese neuen politischen Themen zu erklären und glaubwürdig mit Politikerpersönlichkeiten zu verbinden, die als kompetent und durchsetzungsstark akzeptiert werden. Hier besteht derzeit ein großes Defizit. Die aktuellen Politiker vermögen kaum mehr zu überzeugen, wenn es um die Lösung heutiger Probleme geht.

Diese Stimmungslage greift Karl-Theodor zu Guttenberg auf, wenn er etwa schreibt, er sei „fasziniert“ von der „Ahnungslosigkeit“ der politischen Klasse über Fragen der internationalen Kapitalströme. Sein Buch ist weniger ein Rückblick auf die Affäre seiner unsauberen Dissertation, da bringt es kaum Neues, außer dass der Mann einmal selbst zu Wort kommt und seine Version vortragen kann. Wer ihn eh´ nicht leiden kann, wird ihm nicht glauben wollen. „Vorerst gescheitert“ ist da spannend und auch wohltuend, wo er sich mit den Herausforderungen der heutigen Politik befasst.

Guttenbergs Popularität begründete sich auf seiner Unabhängigkeit, die ihn befähigte, Dinge beim Namen zu nennen und Probleme anzugehen, die ideologisch blockiert waren. Er nannte den Krieg in Afghanistan einen Krieg und schaffte die Wehrpflicht ab, die keinen militärischen Zweck mehr erfüllte, aber dennoch irgendwie für unabschaffbar erklärt worden war. Diese Unabhängigkeit demonstriert er in seinem Buch erneut. So benennt er nüchtern die Probleme seiner Partei, der CSU, die eben längst nicht mehr das ist, was sie unter Franz Josef Strauss und vielleicht Edmund Stoiber war. Er legt den Finger in die Wunde, wenn er auf die Ahnungslosigkeit anspielt, die herrscht, wenn ein milliardenschweres „Rettungspaket“ nach dem anderen im Bundestag abgestimmt wird. Er verweist völlig zu Recht auf das Rentensystem, das angesichts der Überalterung unserer Gesellschaft dringend reformiert werden muss, was aber niemand anpackt, weil es zu viele Interessengruppen gibt, die etwas zu verlieren haben und deshalb jede sinnvolle Reform bekämpfen werden. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Reaktionen der so auf dem falschen Fuß Erwischten waren zu erwarten und vermutlich von ihm einkalkuliert. Er wird unisono und in einer bisweilen an Häme und Niedertracht schwer zu überbietenden Art und Weise heruntergeputzt. Inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Dass dies kurzfristig seine immer noch respektablen Beliebtheitswerte in den Keller drückt verwundert nicht.

Nur werden sie da nicht bleiben. Guttenberg hat in den Passagen, die sich mit der Gegenwart und den zukünftigen Herausforderungen befassen, die Realität auf seiner Seite. Je mehr er nun niedergeschrieben wird, umso mehr wird er erneut emporschießen, wenn sich die Richtigkeit seiner Thesen nicht zugleich widerlegen lässt. Derzeit versucht das noch nicht einmal jemand. Vielmehr verharrt die Anti-Guttenberg-Fraktion auf dem Niveau persönlicher Diffamierung. Eine Besprechung seines Buches in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. November, die schon während seiner Demontage im Februar/ März eher Kampagne denn Berichterstattung bot, kaprizierte sich auf seine abgelegte Brille und die im Buch dazu gebrachte nette Anekdote von der „reizenden indischen Ärztin“, die ihm volle Sehschärfe bescheinigt habe. Diese kleine Geschichte veranlasste den Rezensenten zu einem persönlichen Angriff, während er für die politischen Aussagen Guttenbergs kein Wort fand. Wo sind eigentlich die klugen Köpfe, die angeblich hinter diesem Blatt stecken?

Solange Guttenberg Zugang zur Öffentlichkeit hat – und den behält er paradoxerweise unabhängig davon, ob er angegriffen oder angebetet wird – kann er fortfahren, seine Argumente vorzutragen. Entweder, es gelingt seinen Gegnern, ihn dann auf der Sachebene zu widerlegen, oder aber die heutige Kampagne gegen ihn wird auf ihre Urheber zurückfallen und sich der Eindruck verfestigen, der schon bei der Sarrazin-Debatte herumwaberte und den einst – ausgerechnet – Jörg Haider sehr erfolgreich so auf ein Plakat drucken ließ: „Sie sind gegen mich, weil ich für Euch bin“.

Ein solches Spiel zu spielen, ist riskant. Geht es schief, ist Guttenberg nicht vorerst, sondern endgültig gescheitert. Aber er hat die finanzielle Unabhängigkeit, das Talent und offenbar auch die Chuzpe, es zu wagen. Wie es ausgeht, ist offen. Ich persönlich war immer ein Guttenberg-Fan. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er frischen Wind und neuen Stil in die deutsche Politik gebracht hat. Er hat trotz allem gezeigt, dass Politik lebendig ist und Veränderungen möglich. Nun ist er draußen, und die Stimmung erinnert ein wenig an die späte römische Republik, bei der ja auch immer die Frage im Raum stand, ob und wann Julius Caesar nun aus Gallien zurückkehren werde. Caesar kam, sah, und siegte. Wir werden, denke ich, alle mit Interesse verfolgen, ob auch Karl-Theodor zu Guttenberg die Rückkehr auf die politische Bühne gelingt. Allen, die sich schon einmal auf die Themen vorbereiten und mit den Argumenten vertraut machen wollen, mit denen er dieses Comeback versuchen wird, empfehle ich die Lektüre von „Vorerst gescheitert“.

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